JÄGER ODER FARMER?

Bevor Sie sich mit Charttechnik, Kennzahlen oder Strategien beschäftigen, steht eine wichtigere Frage: welcher Trader-Typ sind Sie überhaupt — und welcher Zeithorizont passt zu Ihrem Charakter?

Menschen, die anfangen, sich mit der Börse zu beschäftigen, kümmern sich gewöhnlich zuerst um die besten Tipps, Chartformationen, fundamentale Kennzahlen, Techniken großer Trader und diverse Anlagestrategien. Das ist durchaus sinnvoll — aber am Anfang sollte eine andere Frage stehen: Wer bin ich, und welche Disziplin, welche Strategie ist für meinen Charakter überhaupt geeignet?

Wenn Sie 1,45 m groß sind und Hochspringer werden wollen, haben Sie ein Problem. Manche Menschen sind bessere Ausdauersportler, andere bessere Kraftsportler — bei Sport leuchtet sofort ein, dass bestimmte persönliche Voraussetzungen für manche Disziplinen besser geeignet sind als für andere. An der Börse ist es genauso, auch wenn die klassische Börsenliteratur diese Frage meist mit einem nutzlosen „Testen Sie es einfach aus" abtut — ein Prozess, an dessen Ende bei den meisten Anlegern schlicht kein Geld mehr übrig ist.

Eine bessere Herangehensweise: Aus der Entwicklungsgeschichte kennen wir zwei große menschliche Gruppen — Jäger und Farmer. Zunächst lebten Menschen in kleinen Familienverbänden als Jäger und Sammler, bis Ackerbau und Viehzucht größere, komplexere Gesellschaftsstrukturen ermöglichten. Ein Jäger braucht dabei ganz andere Veranlagungen als ein Farmer — und obwohl viele tausend Jahre landwirtschaftlicher Kultur die Menschheit geprägt haben, sind die Jägereigenschaften in uns allen noch vorhanden.

Je nach Charakter dominieren bei dem einen die Farmer-, beim anderen die Jägereigenschaften. Die folgenden Abschnitte beschreiben bewusst die Extreme — die meisten Menschen werden sich auf beiden Seiten wiederfinden. Es geht darum, welche Seite bei Ihnen überwiegt.

Der Jäger

Um in einer Savanne oder einem Urwald erfolgreich zu jagen, braucht es eine schnelle, intuitive Auffassungsgabe und schnelle Reflexe — Voraussetzungen, die meist mit hoher Intelligenz und starker Intuition einhergehen. Jäger sind meist nervöse Menschen, immer getrieben, immer auf der Suche. Selbst wenn sie nach außen ruhig wirken, brodelt es in ihnen — sie sind ständig auf dem Sprung zum Angriff.

Jäger suchen stets neue Herausforderungen und sind kreativ darin, neue Ideen, Projekte und Systeme zu entwickeln — sie müssen sich immer wieder neu erfinden. Im Extremfall entstehen so viele unkoordinierte Gedanken, dass sie kaum zu vernünftigen Ergebnissen führen. Menschen mit dominanter Jägereigenschaft sind eher Einzelgänger. Viele leben zwar in Familienstrukturen, weil sie sich den gesellschaftlichen Erwartungen beugen, doch es kommt immer wieder zu Ausbrüchen — getrieben von einer inneren Unzufriedenheit, von Träumen eines anderen Lebens.

Ein Jäger fühlt sich in unserer von Farmern geprägten Gesellschaft selten wohl. Er hat oft das Gefühl, in die strengen Regeln und Hierarchien nicht hineinzupassen — und neigt deshalb zu sozialen Schwierigkeiten: Suchtverhalten (Spiel-, Alkohol-, Drogen- oder eben Börsensucht), wechselnden Beziehungen, wechselnden Jobs. Zeitlich organisierte Abläufe, Stundenpläne, feste Termine sind für ihn kaum zu bewältigen und stressen ihn ungemein.

Sobald ein Jäger mit der Börse in Kontakt kommt, begreift er intuitiv: das ist genau das Richtige für ihn. Doch die klassische Börsenliteratur ist voller Tipps für Farmer — Tipps zu zeitlicher Disziplin und Organisation, die der Jäger zwar versteht und für sinnvoll hält, aber allenfalls kurzzeitig umsetzen kann. Er ist gezwungen, alle Erfahrungen selbst zu machen — und verliert dadurch oft sehr schnell Geld, manchmal schon bevor er seine eigentlichen Fähigkeiten gewinnbringend einsetzen kann. Und doch lässt die Börse ihn nicht los: sie ist die modernste, vielleicht edelste Form der Jagd in unserer Gesellschaft.

Der Farmer

Farmer sind die „Bewahrer" unserer Gesellschaft — weniger impulsiv als Jäger, mit hohem Organisationstalent und einem genauen Zeitgefühl. Sie müssen schließlich wissen, was es bedeutet, dass in sechs Monaten die Ernte reif ist. Ihr Zeitgefühl ist kontinuierlich, nicht sprunghaft. Farmer genießen es, Dinge wachsen und gedeihen zu sehen, Prozesse zu begleiten, die kontinuierlichen Erfolg erzielen. Im Gegensatz zum Jäger haben sie die herausragende Fähigkeit, Unternehmen langfristig zu führen (nicht aufzubauen — dafür sind Jäger besser geeignet), vorhandene Strukturen zu erweitern und zu optimieren. Sie verstehen soziale Geflechte — Familie, Vereine, Politik — ausgezeichnet.

Farmer besitzen Sparbücher und Bausparverträge, planen weit in die Zukunft, sind oft ausgezeichnete Familienmenschen. Sie lieben die Welt, wenn sie so funktioniert, wie sie schon immer funktioniert hat — sie scheuen Veränderung, meiden Hektik, hassen Chaos. Viele Beamte und Lehrer sind Farmer; da diese Fertigkeit für die Führung einer komplexen Gesellschaftsform wie einen Staat unabdingbar ist, verwundert es nicht, dass Politik überwiegend von Farmer-Mentalitäten geprägt ist.

Der Unterschied

Auf gesellschaftlicher Ebene ist der entscheidende Unterschied: Farmer kümmern sich um das Gemeinwohl, während Jäger eher Einzelgänger sind oder lose Gruppen ohne tiefe soziale Bindung bevorzugen. Fast nur Farmer waren am Prozess der Gesellschaftsbildung beteiligt — ihre Eigenschaften passen perfekt zu den Notwendigkeiten eines stabilen Sozialgefüges. Eine Jägermentalität als Staatsoberhaupt ist tendenziell gefährlich, da ein Jäger stets bereit ist, die eigene Existenz — oder die des Staates — anderen Zielen zu opfern.

Unsere Gesellschaft ist auf Farmerstrukturen aufgebaut, was es Jägern erheblich erschwert, in ihr zurechtzukommen. Sie geraten ins Hintertreffen und suchen sich Nischen, in denen ihre Eigenschaften funktionieren — die Börse ist eine der naheliegendsten. Außerhalb dieser Nischen wirken Jäger oft deplatziert, zuweilen asozial, ein wenig verrückt.

Die Konsequenz lässt sich schon erahnen: Jäger neigen zum kurzfristigen Traden, Farmer zum langfristigen Investieren. Am deutlichsten wird der Unterschied beim Zeitempfinden.

Zeitempfinden: linear vs. sprunghaft

Die lineare Zeit des Farmers

Der Farmer hat ein kontinuierliches Zeitgefühl — Minuten, Stunden, Wochen, Jahre lassen sich für ihn gut planen. Das resultiert aus der Notwendigkeit, sich beim Ackerbau an Tages- und Jahreszeiten sowie am Wachstum der Früchte zu orientieren: alles läuft in einem gleichmäßigen, stetigen Rhythmus. Das macht ihn zu einem ausgezeichneten Planer, einem Strategen der Zeit, einem großen Organisator, der größere Projekte „beherrschen" kann.

Die sprunghafte Zeit des Jägers

Der Jäger besitzt kein kontinuierliches Zeitempfinden. Auf der Jagd verbringt er enorm viel Zeit mit Warten — wie eine Katze, scheinbar schlafend auf der Lauer — bis eine Beute auftaucht und die reglose Gestalt in einem Feuerwerk blitzschneller, zielgenauer Bewegungen explodiert. Er braucht zwei völlig verschiedene Zeitwahrnehmungen: beim Warten muss Zeit verfliegen, im Angriffsmodus muss sie sich extrem dehnen. Größere Zeiträume kann er kaum organisieren — er vergisst Termine, blendet sie aus, arbeitet impulsiv und ungleichmäßig. Genau das passt perfekt zum kurzfristigen Traden: lange ruhige Phasen, dann explodierende Kurse, dann Sekundenschnelle Entscheidungen.

Energiehaushalt

Auch mit seinen Kräften geht ein Jäger anders um als ein Farmer. Da er im Moment des Angriffs einen unglaublichen Energieschub braucht, neigt er dazu, die Zeit ohne Jagd eher träge zu erleben. Der Farmer dagegen ist gern „die ganze Zeit über" beschäftigt und muss deshalb sparsamer mit seinen Kräften haushalten.

Dasselbe Ergebnis, zwei Wege dorthin:

Ein Jäger arbeitet 15 Minuten sehr intensiv und erledigt in dieser Zeit eine Aufgabe — anschließend braucht er 45 Minuten zur Regeneration. Ein Farmer braucht für dieselbe Aufgabe 45 Minuten, dafür genügen ihm danach nur 15 Minuten Erholung, weil er wesentlich sparsamer mit seiner Energie umgegangen ist. Beide brauchen unter dem Strich: eine Stunde.

Das erklärt, warum Day-Trading für die Jäger-Mentalität besser geeignet ist: kurzzeitig lässt sich enorm viel Energie, Aufmerksamkeit und Intelligenz mobilisieren, den Rest der Zeit verbringt der Jäger eher träge vor den Monitoren — mit einem starken Gefühl der Zeitverkürzung, als würden Stunden oder Tage einfach vorbeifließen.

Wenn bei Ihnen die Jägereigenschaften dominieren: achten Sie bewusst auf Ihren Energiehaushalt. Auf kurze, intensive Phasen müssen längere Ruhephasen folgen — Jäger versuchen diese oft zu vermeiden und laufen dadurch Gefahr, auszubrennen, ein bekanntes Phänomen gerade in der Finanzbranche. Diese Ruhe ist keine Faulheit, sondern die notwendige Erholung für das nächste Signal. Umgekehrt stellen Jäger in der Angriffsphase oft auch zu viel Energie bereit — diese Überreaktion lähmt mehr, als sie hilft. Mit wachsender Trading-Erfahrung wird diese rohe Angriffsenergie zunehmend durch Intuition ersetzt: geringster Aufwand, größter Erfolg.

An der Börse

Farmer und Börse

Wer eine Familienmentalität hat, überlegt lange, bevor er größere Summen investiert. Farmer steigen meist erst in der Nähe großer Hochpunkte ein — nachdem die Kurse über Jahre gestiegen sind, ist auch der Farmer endlich überzeugt, dass die Börse etwas Sicheres ist. Mit hoher Disziplin wird alles gelesen, analysiert, abgeheftet — und dann investiert und gewartet, mitunter jahrelang. Ein Farmer trennt sich nur schwer von einer Position; er baut eine intensive Beziehung zum Unternehmen auf, nimmt es förmlich in seine Familie auf.

Ein nützliches Signal: Kommen zu viele Farmer an die Börse, steht meist ein Crash bevor. Sind nur noch Jäger und Zocker im Markt, deutet das eher auf eine bevorstehende Hausse hin.

Farmer, die erst ganz am Ende einer Hausse einsteigen und lieber halten als verkaufen, erleiden oft schnell große Verluste — und ziehen daraus den (meist falschen) Schluss, die Börse sei nichts für sie. Dabei können Farmer, die durchhalten oder zum richtigen Zeitpunkt eingestiegen sind, dank ihrer Disziplin und Beharrlichkeit beachtlichen Wohlstand aufbauen. Warren Buffett ist wohl der bekannteste Vertreter der Farmer-Riege — und die Börsenliteratur bietet Farmer ohnehin unzählige passende Tipps und Systeme.

Jäger und Börse

Kurzfristige Trader sind meist Jäger, keine Farmer. Sie wittern eine Chance, fühlen sie — aber hassen es, lange investiert zu sein, weil ihnen viel zu schnell die Geduld ausgeht. Positionen, die zu lange gehalten werden, geraten aus dem Blick und landen bestenfalls im „Langfristdepot", das bei einem Jäger eher eine Müllhalde ist. Unternehmenskennzahlen interessieren ihn wenig — die Konzentration reicht oft nicht, um einen Geschäftsbericht am Stück zu lesen. Auch deshalb ist Day-Trading die bessere Wahl: hier zählt Charttechnik mehr als Fundamentaldaten.

Zwei Gefahrenzonen, die besonders Jäger treffen:

Unsoziales Verhalten: Ohne organisierenden Partner leben Jäger oft in Wohnungen, in denen kein echtes Zuhause-Gefühl entsteht — sie sind jederzeit bereit, weiterzuziehen. Da sie mit Farmern schlecht auskommen, suchen sie sich eher lose Freundschaften zu anderen Jägern und stehen abseits der Gesellschaft.

Exzessive Ausdauer und Suchtgefahr: Auf der Jagd zeigen Jäger fast unmenschliche Ausdauer — außerhalb davon ist ihre Aufmerksamkeitsspanne extrem kurz. Sie sind bereit, alles zu riskieren — Geld, Beruf, Familie — nur um den Jagdtrieb auszuleben, so wie sie auch bei der realen Jagd ihr Leben für die Gruppe riskiert haben. Genau diese Bereitschaft hat viele großartige Jäger-Mentalitäten an der Börse in den Ruin getrieben — meist gerade dann, wenn es ohnehin schon schlecht läuft.

Worte an Sie

Sie werden jetzt vermutlich schon wissen, welchem Charakter Sie mehr entsprechen. Allein diese Erkenntnis kann Ihr Börsenverhalten verändern — sie hilft, viele falsche und teure Wege gar nicht erst zu gehen, und erklärt vielleicht, warum bislang so vieles nicht funktioniert hat.

Worte an die Farmer

Beschäftigen Sie sich mit Geldmanagement und langfristigen Strategien. Führen Sie ein Tagebuch, in dem alle Investments und Pläne aufgelistet sind. Mit diesen vernünftigen Werkzeugen werden Sie langfristig Erfolg haben — vorausgesetzt, Sie können kurzfristige Rückschläge aussitzen. Recherchieren Sie gründlich, werden Sie Investor, legen Sie Ordner an. Trennen Sie sich erst, wenn die Ernte eingefahren ist oder verdorben ist — genau das müssen Sie als Farmer lernen: sich zu trennen. Dann werden Sie ein ruhiges Leben führen und Ihre Gewinne wachsen sehen.

Worte an die Jäger

Jetzt wissen Sie, warum Ihnen die Strategien aus den meisten Börsenbüchern bisher nichts gebracht haben — Sie verstehen ihren Sinn durchaus, können sie aber aufgrund Ihrer Mentalität nicht durchhalten: kein akribisches Geldmanagement, kein lückenloses Tradingtagebuch. Nur wenn Sie Ihre Strategie an Ihren Charakter anpassen statt umgekehrt, können Sie Ihre Stärken in Erfolg verwandeln — und die Chancen dafür sind sogar sehr gut. Sie können das Wort „Jäger" ab hier gedanklich durch „Trader" ersetzen: Für den Jäger ist die Börse die Erfüllung eines immer schon gefühlten Verlangens nach der Jagd — Himmel und Hölle zugleich. Die extremen Stimmungsschwankungen, die daraus entstehen, sind am Anfang sogar wichtig: sie sind es, die Sie überhaupt erst mit dem Virus „Börse" infizieren.